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Knoorscht o Kneisjen
(Werner Becker und Hans Kuhn)

wann? neuer Termin !

Eine Hommage von Hubert Ludwig an die unvergessene Heuschreck-Ikone

KG Heuschreck Trier 1848 e.V.

Wer erinnert sich nicht an das legendäre Duo „Koorscht o Kneisjen“ (Werner Becker und Hans Kuhn), das von 1959 bis 1993 jedes Jahr unsere Sitzungsbesucher mit seinem unnachahmlichen Zusammenspiel von hintergründigem Humor und authentischem Trierisch begeisterte? Werner Becker setzte in der Rolle des „Koorscht“ Jahr für Jahr als taktgebender Autor der Dialog-Manuskripte und Meister der Trierer Mundart bleibende Maßstäbe. Er ist 2003 kurz nach der Vollendung seines 80. Lebensjahres gestorben und würde am 1. Dezember 2022 sein 100. Lebensjahr vollenden – Grund genug, an Werner Becker und seine Ära bei der KG Heuschreck zu erinnern.

Die Anfänge seines literarischen und karnevalistischen Schaffens liegen fast 8 Jahrzehnte zurück. Nach Kriegsdienst, Gefangenschaft und der Aufnahme seiner beruflichen Tätigkeit als technischer Angestellter bei den Trierer Stadtwerken war er zunächst in seinem Heimatstadtteil Kürenz aktiv. Dort profitierte das Vereinsleben von Werner Beckers Gedichten, Vorträgen und seinem Talent als Regisseur und Darsteller (in einem Fall auch als Autor) von Mundarttheaterstücken. In diese Jahre datieren auch die ersten Auftritte mit seinem Partner Hans Kuhn als „Koorscht o Kneisjen“. Beide waren sozusagen ein historischer und genetischer Glücksfall, denn mit ihnen als Protagonisten wurde dieses Gespann, das die Trierer Mundartdichterin Cläre Prem in ihren Werken erschaffen hatte, sowohl vom Habitus als auch von der jeweiligen Körpergröße her in idealer Weise mit Leben erfüllt. Mit ihrer Symbiose aus literarischem Vorbild und bühnengerechter Darstellung waren und bleiben die beiden wohl die originellsten Interpreten der Trierer Mundart im heimischen Karneval.

Denn 1959, im 111. Jubiläumsjahr unserer Gesellschaft, stieß das Duo „Koorscht o Kneisjen“ zur KG Heuschreck 1848. Hier fand Werner Becker sehr schnell auch seine „Hausmacht“, auf die gestützt er über Jahrzehnte von der Führungsetage aus karnevalistisch und künstlerisch tätig sein konnte, davon ab Beginn der 1960er bis Mitte der 1990er Jahre als Programmdirektor und lange Jahre auch als Vizepräsident.

Ganze Generationen von Lokalpolitikern hat er mit seinem angeborenen Mutterwitz in treffender Ironie und dennoch nie verletzend darauf hingewiesen, dass auch sie nur Menschen sind. Beispiel gefällig? Unvergessen ist der Dialog mit seinem Partner Hans Kuhn über den damaligen Bundestagsabgeordneten und Bauernverbandspräsidenten Günther Schartz senior, der regelmäßig Gast in den Heuschrecksitzungen war: „Kneisjen, haos de geheert, de CDU haotjetz‘ em Schartz sein Verdienste am Landwirtschaft o Weinbau ön onserer Region endlich maol richtig gewürdigt.“ Antwort Kneisjen: „Et göt awer ach Zeit! Wat haon se da‘ gemaach?“ Koorscht: „Se haon of sein Elternhaus ön Onsdorf en zwaij maol zwaij Meter gruß Schild monteert.“ Kneisjen: „Dunnerkneedel! Wat stieht dann dao drob?“ Koorscht: „Nach Tawern -3 Kilometer!“· Da war Beifall garantiert, auch vom „Opfer“ Günther Schartz.

Und auch ganze Generationen von Büttenrednern und Sängern haben in dieser Zeit mit seiner Hilfe Sitzungsbeiträge und -programme gestaltet, für deren hohes Niveau Werner Becker maßgeblich verantwortlich war – vom stillen Kämmerchen aus und ohne dies je an die große Glocke zu hängen. Die dort auch für viele andere geschriebenen Verse und Prosatexte wurden nicht einfach „aufs Papier geschnoddert“, sondern von ihm selbst immer und immer wieder sorgfältig geprüft und mehrfach überarbeitet, eben so lange, bis sie nach seinem strengen Urteil in Diktion und Inhalt bühnentauglich waren. Ich erinnere mich oft und gerne an diesen Mann, der gut 33 Jahre älter war als ich, den ich als Programmchef beerbt habe und der mir im Laufe der Jahrzehnte zum väterlichen Freund wurde. Vor allem erinnere ich mich an die Stunden, in denen wir (etwa ab 1980) gemeinsam an Texten für das Heuschreck-Programm gearbeitet haben. Das fand in der Regel ab September und immer dienstags nach Feierabend statt, entweder bei ihm zu Hause in der Kürenzer Maximineracht oder später auch im Alten Zollhaus, dem Refugium der KG Heuschreck. Das Zollhaus war uns dabei lieber, weil er dort, während uns die Köpfe rauchten, unbeaufsichtigt von seiner Frau Erna ein höheres Quantum an geistiger Nahrung in Form von halbtrockenem Riesling oder staubtrockenem Asbach zu sich nehmen konnte. Muss ich erwähnen, dass wir im Alten Zollhaus viel produktiver waren und auch viel schneller „gehaltvolle“ Verse und Texte zu Papier brachten als in der Maximineracht? Sicher nicht.

In solch einer gehobenen Stimmung war auch nicht ich es, sondern war er es, der den Namen für die Figur erfand, mit der ich (nach zunächst 9 Jahren in wechselnden Rollen) ab 1983 den bundespolitischen Beitrag zu den Heuschreck-Sitzungen leisten durfte. Nach der Begutachtung meines ersten Entwurfs für diesen neuen Büttenvortrag und nach dem dritten Asbach war sein wie immer wenig euphorischer Kommentar: „Dat ka‘ mer su laoßen. Awer nur deswejen, weils de su schreiwen o reden dus wie dä klaane Maan von der Straoß“. Pause. „O waaß de wat, mei‘ Jong – ab sofort nennen mer dich ach suf!“ Der „kleine Mann“ war geboren. Ich habe Werner Becker nicht nur den Namen für diese Figur und vieles mehr zu verdanken. Auch mancher meiner Verse war gerade in den Anfangsjahren Produkt auch seiner Inspiration und Feder.

Aber sein künstlerisches Schaffen blieb nicht auf den Karneval beschränkt. Neben den regelmäßig in der Presse veröffentlichten Versen und Kolumnen zu Tagesereignissen, neben seiner Tätigkeit als freier Mitarbeiter für das Trierische Jahrbuch und das Jahrbuch des Kreises Trier-Saarburg sind es vor allem seine drei im Eigenverlag der KG Heuschreck erschienen Mundartbände, die eines verdeutlicht haben: Werner lag die Muttersprache, lag der Wunsch, sie für jedermann verständlich zu machen und sie damit lebendig zu erhalten, zeitlebens am Herzen. Deshalb hat er in seinen gleichnamigen Büchern pointiert darauf hingewiesen, „wu mer derhaam sein“ (1978), wusste er wie kein Zweiter, „wat ans lief o wert öß“ (1984), und deshalb riet er zu reden, „wie aanem de Schnaowel wächst“ (1989). Diese Bücher und seine damals von der Akademischen Buchhandlung lnterbook immer wieder neu aufgelegten „Gruß- und Glückwunschkarten in Trierer Mundart“ belegen eindrucksvoll, dass er die Kraft für sein literarisches Wirken stets auch aus seiner intakten Familie und aus seinem echten, weil nie zur Schau gestellten Glauben geschöpft hat. Die KG Heuschreck hat 2006 posthum einen 4. Band mit bis dahin größtenteils unveröffentlichten Gedichten von Werner Becker herausgegeben; er selbst hatte den Titel dieses Bandes noch zu Lebzeiten autorisiert: „Su lang et aanem Spaaß micht“. Und auch rund um sein „100-Jähriges“ im Jahr 2022 wird die Gesellschaft in geeigneter Form an einen der größten Karnevalisten und prägendsten Programmgestalter in ihrer dann schon fast 175-jährigen Geschichte erinnern.

Text: Hubert Ludwig

Foto: Verein

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